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Trotz Sparzwang: Gute Aussichten für Exporte in die USA


WSM (Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung e.V.) im Gespräch mit Bernhard Mattes, Präsident der American Chamber of Commerce in Germany und Vorsitzender der Geschäftsführung der Ford-Werke GmbH

  • Wie beurteilen Sie generell den Wirtschaftsstandort USA und die Marktentwicklungen im Wahljahr 2016?

Die USA haben eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. Die industrielle Landschaft Amerikas verändert sich rasant. Preiswerte Energie und ein mäßiges Lohnniveau in den USA sowie der niedrigere Außenwert des Euros gegenüber dem Dollar stärken insbesondere die Industrie- und auch Konsumgüternachfrage Amerikas. Und zum ersten Mal seit fast 30 Jahren sind die USA nicht mehr von ausländischem Öl abhängig.  Der starke US-Dollar und die stabile US-Konjunktur kommen deutschen Exporteuren zugute. Wie die aktuellen Wirtschaftsdaten zeigen, gehören die USA nunmehr zu einem der wichtigsten Absatzmärkte deutscher Waren.

Angesichts der niedrigen Zinsen, des niedrigen Ölpreises und des soliden Arbeitsmarktes entwickelt sich der Konsum grundsätzlich positiv – und damit auch die Gesamtwirtschaft. Jedoch offenbaren die aktuellen Angaben erwartungsgemäß eine Entschleunigung des Wachstums für 2016, dass sich bereits 2015 angedeutet hat.

Zu den Schwächen der USA zählen das hohe Außenhandelsdefizit und Sparzwänge im öffentlichen Sektor. Die Infrastruktur in den USA ist aufgrund langjähriger Unterinvestitionen in vielen Bereichen nicht mehr ausreichend. Trotz einer großen und parteiübergreifenden Unterstützung für eine neue Investitionsoffensive im Infrastruktursektor bleibt es in den USA schwierig, die dafür notwendigen politischen Mehrheiten zu organisieren. Präsident Obama hat mehrmals zum Ausdruck gebracht, dass Handel und Investitionen mehr Gewicht erhalten müssen. So wurden diverse Initiativen ins Leben gerufen – zum Beispiel die so genannte „Advanced Manufacturing Partnership“. Diese haben ehrgeizige Ziele für eine Rückkehr der verarbeitenden Industrie in die USA.

  • Welche Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen erkennen Sie in naher und mittelfristiger Zukunft?

Deutschland ist aus amerikanischer Sicht – besonders wegen seines starken industriellen Kerns – ein wichtiger ökonomischer Partner. Darüber hinaus ist Deutschland weltbekannt für seine hochqualifizierten Mitarbeiter und hohe Kompetenz im Maschinen- und Anlagenbau. Made in Germany bleibt hierbei eine wichtige Marke für Qualität. Selbst Präsident Obama hat das duale Ausbildungssystem und die deutsche Ingenieurkunst mehrmals gelobt.

Besonders in der Fertigungsindustrie und in den Sektoren Automobil, Maschinenbau und Chemikalien ist der transatlantische Handel stark. Insgesamt bleibt die Aussicht für Geschäftsmöglichkeiten deutscher Unternehmen sehr positiv.

Anfang 2015 hat eine geringe Nachfrage in zahlreichen Industriesparten Anbietern von Industriemaschinen zwar schwer zugesetzt. Nach Prognosen des Manufacturers Alliance for Productivity and Innovation wird die Produktion von Industriemaschinen in den USA 2016 aber wieder zulegen. Innerhalb des Industriesektors ist die Automobilbranche hier der bedeutendste Abnehmer. Die Mehrzahl der Branchenexperten erwartet für 2016 einen erneuten Zuwachs. Durch den fortgesetzten Aufschwung im US-Bausektor ist auch eine Erholung bei der Nachfrage nach Metallprodukten zu erwarten. Von einer starken Automobil- und Bauindustrie wird auch die chemische Industrie in den USA mittelfristig profitieren. Der American Chemistry Council erwartet kräftige Nachfrageimpulse aus diesen Branchen. Mit der Luftfahrtindustrie ist eine weitere bedeutende Abnehmerbranche auf Wachstumskurs.

Langfristig kann Deutschland gerade bei den wichtigen Zukunftsthemen wie der Digitalisierung viel von seinem amerikanischen Partner lernen. Die Entmaterialisierung der Geschäftsmodelle durch digitale Services muss zu einem Umdenken führen. Denken Sie zum Beispiel an die dynamische Innovationslandschaft im Silicon Valley. Zukünftig kommt es darauf an, unsere Stärken in der industriellen Wertschöpfung mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu vernetzen und daraus weiteres Potential zu entwickeln.

  • Die WSM-Mitgliedsunternehmen produzieren unter anderem für die globalen Wertschöpfungsketten des Maschinenbaus. Der kommt jedenfalls in Europa seit Jahren konjunkturell nicht richtig in Schwung, gilt in den USA indes als Boom-Branche. Welche Chancen und Risiken sehen Sie hier für deutsche Unternehmen?

Die USA sind der wichtigste ausländische Investitionsstandort und weltweit größter Zielmarkt für deutsche Maschinenprodukte. Mit einem Lieferanteil von 36 Prozent am US-Import von Maschinenbauerzeugnissen liegt Deutschland mit weitem Abstand auf Platz?

Allerdings war, nach einem kräftigen Wachstum der Einfuhren von Maschinen zur Metallbearbeitung im Jahr 2014 auf ein Rekordniveau von rund 18,8 Mrd. US$, in den ersten drei Quartalen 2015 ein signifikanter Einbruch zu verbuchen. Aufgrund des starken US-Dollars und einer erwarteten höheren Nachfrage u.a. in der Bau- und Kfz-Branche gehen Experten 2016 aber von einer Trendwende bei Industrie- und Metallbearbeitungsmaschinen aus. Laut dem U.S. Census Bureau stehen die Zeichen gut, dass die Bestellungen von Maschinen zur Metallbearbeitung 2016 wieder zulegen werden. Ebenso soll sich die Nachfrage nach den bedeutendsten Metallprodukten größtenteils erholen beziehungsweise auf dem Wachstumspfad verbleiben.

Ein Risikofaktor bleibt das Angebot an qualifizierten Fachkräften, insbesondere im hoch entwickelten Industrie- und Maschinenbau. Eine weitere Herausforderung für die deutschen Unternehmen ist der wachsende Markteinfluss chinesischer Unternehmen in einigen Branchen der US-Wirtschaft. In den Bereichen des Maschinenbaus und bei den erneuerbaren Energien sowie in der Kfz-Zulieferindustrie bieten chinesische Unternehmen zunehmend auch mittel- und höherwertige Technik an.

  • Ähnliches gilt für die Automobilindustrie. Wie beurteilen Sie hier die Marktentwicklung?

Nachdem die US-Autoindustrie während der Finanzkrise 2009 einen massiven Rückgang der Produktions- und Verkaufszahlen erlitt, hat sie sich seither wieder erholt. Die nordamerikanische Automobilindustrie erfuhr in den letzten fünf Jahren beständiges Wachstum, welches die Region zu  einer der wichtigsten für globale OEMs, Zulieferer und Service- Unternehmen macht.

Die größten deutschen Automobilhersteller sind im US-Markt präsent, was auch viele deutsche Zulieferer in die Region zieht. Nachdem sie sich in den USA etabliert haben und kräftig wachsen, eröffnen sich für diese Unternehmen auch von amerikanischen Zulieferern und Herstellern Geschäftsmöglichkeiten.

  • Politisch gelten die USA als tief gespalten, demnächst beginnen die Wahlkämpfe. Welchen Einfluss hat das auf den Wirtschaftsstandort USA?

AmCham Germany verfolgt die US-Präsidentschaftswahlen mit großem Interesse. Als Wirtschaftsverband hoffen wir natürlich, dass der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin sich für die transatlantische Partnerschaft einsetzt und damit die Arbeit der vorhergehenden Regierungen fortsetzt. Hierzu zählt natürlich auch der erfolgreiche Abschluss der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP). TTIP wird in den USA lange nicht so kontrovers diskutiert wie beispielsweise in Deutschland, da unter anderem die Lebensstandards, Angestelltenverhältnisse und Produktionskosten als gleichwertig eingestuft werden.

Im US-Wahlkampf spielt TTIP aber nur eine marginale Rolle. Der Fokus liegt auf den Themen Wirtschaft, Einwanderung und der Bildungspolitik. Alle Bereiche haben eines gemeinsam – sie bauen auf eine solide Industrie und Wirtschaft.

Für deutsche Unternehmen am Wirtschaftsstandort USA sind öffentliche Investitionen in die Infrastruktur und der Forschung und Entwicklung sowie die Vereinfachung des Steuersystems wichtig. Trotz des digitalen Hub „Silicon Valley“ spielen Investitionen in IT und Automatisierung für die deutschen sowie amerikanischen Unternehmen weiterhin eine zentrale Rolle, um langfristig in den USA auf Wachstumskurs bleiben zu können.

Das komplette Interview als PDF

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