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Verlässlichkeit – das A und O für funktionierende Wirtschaftsbeziehungen


„Freihandel funktioniert nur, wenn man offen, fair und möglichst ohne Drohungen über Themen diskutiert. Das sehe ich im Moment stark gefährdet“, betont Geschäftsführer Marc Oehler im Interview mit AmCham Germany und spricht außerdem über die Standorteröffnung der BILSTEIN GROUP in den USA, die Auswirkungen von Zöllen auf die Geschäfte und die Rahmenbedingungen des transatlantischen Geschäfts.

 

Herr Oehler, können Sie uns kurz beschreiben, was die BILSTEIN GROUP macht und in welchen Bereichen Sie tätig ist?
Seit 1911 sind wir als Familienunternehmen in Hagen-Hohenlimburg ansässig. Die BILSTEIN GROUP stellt kaltgewalzten Bandstahl her und die Jahreskapazität liegt weltweit bei gut 700.000 Tonnen. Unser Material wird sehr stark in der Automobilindustrie eingesetzt, insbesondere in anspruchsvollen Getrieben, oder auch beispielsweise in Sitz- und Sicherheitssystemen . Dabei ist Gewichteinsparung ein wichtiges Thema.
Neben unseren drei Produktionsstandorten in Hagen-Hohenlimburg und einem in Tschechien, sind wir zudem im Exportgeschäft in den USA aktiv und haben uns 2013 dazu entschieden, in Bowling Green, Kentucky, ein eigenes Kaltwalzwerk auf der grünen Wiese zu errichten.

 

Durch Ihren USA-Standort: Wie schätzen Sie die transatlantischen Beziehungen derzeit ein?
Die europäisch-amerikanischen bzw. deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen sind meiner Meinung nach derzeit deutlich angespannter als noch vor einigen Jahren. Ein konkretes Beispiel ist hier die Einführung von Zöllen auf Stahlimporte. Nach unserer Werkseröffnung im Sommer 2017 in den USA waren wir deshalb gezwungen, deutlich schneller amerikanisches Vormaterial einzusetzen als ursprünglich geplant. Wir wurden sozusagen von den Zöllen kalt erwischt.

 

Und nicht nur die Zölle auf Stahl und Aluminium betreffen Mitgliedsunternehmen von AmCham Germany. Auch die Diskussion um Zölle auf Autos und Autoteile bewegt sie. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Auch diese Diskussion sehe ich mit Sorge. Langfristig beeinflussen solche Drohungen nicht nur uns als Unternehmen in der Produktion, sondern das Klima der Beziehungen insgesamt. Freihandel funktioniert nur, wenn offen und fair, möglichst ohne Drohungen über Themen diskutiert wird. Wir liefern sehr viel in die europäische Autozulieferindustrie und durch Zölle würden sich unmittelbar Bedrohungsszenarien für unser Geschäft ergeben.

 

Und der Handelskonflikt zwischen den USA und China? Sind Sie hiervon betroffen?
Ja, auch der amerikanisch-chinesische Handelskrieg wirkt sich auf unsere Geschäfte aus. In China werden nämlich zum Teil Komponenten für die Fahrzeugindustrie hergestellt, die dann in die USA geliefert werden. Bereits jetzt ist das Geschäft in diesem Bereich aufgrund der bestehenden Zölle auf chinesische Importe in die USA rückläufig.

 

Welche Rahmenbedingungen politischer und gesamtwirtschaftlicher Natur sind für Sie im transatlantischen Geschäft relevant?
Das lässt sich mit einem Wort umschreiben: Verlässlichkeit. Verlässliche politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind das A und O. Wir müssen im Vorfeld wissen, welche Zollbarrieren existieren und welche möglicherweise errichtet werden. Unsicherheit in den Verhandlungen ist Gift für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa und Deutschland, aber auch in den USA.

 

Zusammen mit anderen Unternehmern reisen wir regelmäßig in die USA, um Gespräche mit Politikern und Geschäftsleuten zu führen. Bei unserem Leadership Visit im Mai 2019 waren Sie mit dabei. Was haben Sie von der Reise mitgenommen?
Im Rahmen des Leadership Visit durften wir unsere Sichtweise auf die Zollpolitik oder des Freihandelsabkommens darlegen, schließlich haben wir ein signifikantes Investment in den USA getätigt. Gemäß dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“ konnten wir als Mittelständler Mängel und Herausforderungen nennen. Für mich waren das hochspannende und erfolgreiche Tage, weil ich gespürt habe, dass sowohl in der Administration als auch in der Politik großes Interesse an den europäischen Sichtweisen herrscht. Von der Reise habe ich insbesondere ein besseres Verständnis über die amerikanische Politik und die amerikanische Regierung und Verwaltung mitgenommen.

 

Welchen Rat können Sie Unternehmen geben, die gerade den US-Markt für sich entdecken?
In Bezug auf die USA sind die Sprachbarrieren glücklicherweise sehr niedrig. Dennoch ist die Kultur nicht eins-zu-eins mit der europäischen Kultur vergleichbar. Wenn man das im Hinterkopf behält, kann man in den USA sehr gut Geschäfte machen. Verlässlichkeit, Antwortgeschwindigkeit, auch die Unterstützung durch politische, administrative Stellen – das alles ist ein riesiger Vorteil bei Investition in den USA. Gleichwohl entspricht das Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte in vielen Bereichen nicht dem Niveau in Deutschland und viele Abläufe sind in den USA doch etwas anders, als man es aus Europa kennt. Mein Rat lautet daher, dass man nicht alles selbst machen sollte, wenn man eine Standorteröffnung in den USA plant. Stattdessen empfiehlt es sich, Kontakte zu nutzen, denn ohne Unterstützung oder Berater wird eine Erschließung des Marktes nicht funktionieren.

 

Und auch AmCham Germany kann bei einer Standorteröffnung in den USA helfen. Wie haben Sie von unseren Services profitiert?
AmCham Germany hilft uns dabei, Kontakte im transatlantischen Bereich zu pflegen, Informationen zu erhalten und uns auszutauschen mit Unternehmen und Beratern, die in den USA Erfahrungen gesammelt haben. Das Netzwerk, das sich über AmCham Germany entwickelt hat, ist für uns äußerst wertvoll. Daneben profitieren wir ganz besonders von direkten Kontakten in die amerikanische
Politik wie beim Leadership Visit.

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